Montag, 20. Juli 2009

Now is the winter of discontent

Made glorious summer by this son of York (Richard III, I, 1)

Das sind die ersten beiden Zeilen auch Richard III, eines meiner Lieblingsstücke. Es beschreibt den Aufstieg und den Fall von Richard III. Das Ende seiner Herrschaft läutet auch das Ende der englischen Rosenkriege ein. Für Shakespeare waren die Rosenkriege und deren Beendigung durch das Tudor Geschlecht eine wichtiges Thema.

Wer Geschichte doof und langweilig findet, kann den nächsten Absatz überlesen. Aber ich finde englische Geschichte und Shakespeares Reflexion so interessant, dass es mal raus muss Die Rosenkriege beschreiben die Epoche zwischen 1399, der Entmachtung von Richard II, und 1485, der Entmachtung von Richard dem III. In den Jahren dazwischen regierten die Henrys IV-VI, aus dem Hause Lancaster sowie Edward IV, aus dem Hause York. Henry IV entriss Richard II die Macht und sorgte so dafür, dass die rote Rose des Lancaster-Hauses lange erblühte. Da Richard II der Thron jedoch auf nicht legitime Weise entrissen wurde, waren die Machtverhältnisse immer unsicher und so konnte Edward IV auch den jungen Henry VI vom Thron stoßen, ihn ermorden lassen und die weiße Rose des Hauses York herrschen lassen. Richard III kam auch mit Gewalt und Mord auf den Thron. Henry VII, der Richard III im Kampf besiegte, einte durch eine Heirat beide Häuser und beendete so den Krieg zwischen den beiden Geschlechtern.

Soweit die Geschichte. Interessant ist, dass Shakespeare fast allen diesen Herrschern eine so genannte Historie widmet. Neben Tragödien und Komödien sind die Historien die dritte Klasse von Dramen, die Shakespeare vor allem in seinen frühen Jahren schrieb. Interessant ist auch, dass er dabei definitiv nicht subjektiv ist. Er lebte unter der Herrschaft von Henry VIII und Elizabeth I. dem Sohn und der Enkelin von Henry VII. Seine Historien rechtfertigen die Herrschaft von Henry VII, dem ersten Tudorkönig. Zu einem wird Richard III eben als ganz fürchterlicher, schrecklicher und tyrannischer Herrscher dargestellt. Zum anderen werden die Henrys, direkte Vorfahren von Henry VII, vor Richard III in einem sehr glorifizierenden Licht gezeigt. Interessant ist auch, wie Richard II, der ja von einem Henry entmachtet wurde, von Shakespeare gezeichnet wird: schwach, kindlich und unfähig. Ich weiß leider nicht genau, ob Shakespeare diese Tudor-Propaganda fahren musste, schließlich wurden seine Stücke schon damals ständig gezeigt, oder ob er die Geschichte so wiedergab, wie er sie empfand.

Richard III ist also der Teufel, der Böse und dabei total faszinierend. Als ich eben noch mal einige Passagen des Stückes las, stieß ich auf folgende Zeilen, die eine Frage ansprechen, die mich immer wieder beschäftigt:

Since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain. (Richard III, I, 1)

In diesen drei Zeilen begründet Richard, warum er so bösartig ist und weiht dann im Folgenden die Zuschauer in seine evil plans ein, was dazu führt, dass man sich den anderen Figuren gegenüber überlegen fühlt und so’ne Art Verschwörung gemeinsam mit Richard verspürt. Aber zurück zum Zitat. Richard ist böse, weil er nicht anders kann. Er ist „dertermined“, dazu bestimmt, weil er nicht dazu gemacht ist, ein Liebhaber zu sein. In den Zeilen davor beschreibt er die friedlichen Zeiten, die gerade vorherrschen. In diesen muss man schön und galant sein, um vor allem das andere Geschlecht zu beeindrucken. Richard hat einen Buckel und ist vollkommen unattraktiv, er hat da also keine Chance. (Dass er als er König ist, doch Anne becircen kann, ist eine andere Geschichte). Er weiß also in Zeiten des Krieges nichts mit sich anzufangen und kann also praktisch gar nicht anders als der Bösewicht zu sein.

Dass dies wahrscheinlich auch nur eine Ausrede ist, um seine Machtsucht und seine Boshaftigkeit vor dem Publikum zu rechtfertigen, sei mal dahingestellt. Interessanter finde ich den Gedanken der Determination. Gibt es Menschen, die zum Böse-sein determiniert sind? Wenn ich böse Menschen sehe, frage ich mich oft, wie die wohl als Kinder ausgesehen haben. Waren sie schon immer böse? Schlummert es in jedem von uns? (Ist Richard III deswegen so faszinierend?) Ist das Böse nur eine gesellschaftliche Krankheit? Gibt es überhaupt böse Menschen oder nur böse Taten? War Hitler böse? Diese Vielzahl an Fragen zeigt erneut wie viel Potential in drei Zeilen von Shakespeare steckt.

Ich weiß nicht, ob Menschen böse sind oder es erst werden. Ich muss in diesen Zusammenhang immer an eine Szene aus „Der Pianist“ denken. Soldaten bekommen den Befehl, das Ghetto zu kontrollieren und stürmen in alle Häuser und fordern alle Anwesenden auf, sich aufzustellen. In einem Haus sitzt ein Rollstuhlfahrer, der nicht aufstehen kann. Dieser wird vom Balkon geschubst. Warum? Dafür gab es doch auch aus befehls-technischen Gründen keinen Anlass. Das war unnötige Grausamkeit, von der man im Krieg immer wieder hört. Aber ich will nicht zu weit abschweifen. Dass Menschen grausam und böse sein können, ist nun mal so. In welchem Maße es eine böse Natur gibt und wie viel durch Sozialisation und Erziehung erfolgt, weiß man wohl nicht. Aber ich will’s gern wissen. Weil, wenn Menschen wie Richard wirklich dazu bestimmt sind, böse zu sein, kann man ja auch alles Erziehen und Weltverbessern sein lassen. Wäre schon doof. Aber das Böse ganz abschaffen kann man wohl auch nicht. Dann hätte das Gute ja keine Chance, das hat zumindest mal ne sehr gute Freundin von mir gesagt. Ich glaube ich muss sie noch mal fragen…

Montag, 13. Juli 2009

Time is like a fashionable host

Time is like a fashionable host,
That slightly shakes his parting guest by the hand,
And with his arms outstretched, as he would fly,
Grasps in the comer: the welcome ever smiles,
And farewell goes out sighing.

Troilus and Cressida, act 3, sc. 3, l. 165-9

Dieses Zitat stammt aus einem eher weniger bekannten Stück, das ich in Cardiff auf der Bühne sehen durfte. Es geht um Liebe und Krieg, mit antiken Motiven. Mit diesen Worten wird Achilles daran erinnert, dass die Zeit seine großen Taten verblassen lassen wird.

Die Zeit (im englischen übrigens männlich, wie interessant) wird hier als Gastgeber personifiziert, der die Hand von sich verabschiedenden Gästen nur leicht schüttelt und mit ausgestreckten Armen viel lieber Neuankömmlinge begrüßt. Das Willkommen ist immer schön, während der Abschied immer mit einem Seufzer vollzogen wird. Es geht also darum, dass wir uns im Laufe der Zeit immer schweren Herzens von Menschen verabschieden werden müssen.

In der letzten Woche war ich auf meiner ersten Klassenfahrt mit einer ganz hervorragenden 9. Klasse. Die Schüler haben ganz viel selbst organisiert, ihre Freiheiten nicht maßlos ausgenutzt und waren zuverlässig. Ich denke, dass war die beste 1. Klassenfahrt als Lehrerin, die ich hätte haben können. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, war das Verhältnis der Schüler untereinander. Es herrschte ein ganz starker Zusammenhalt. Alle waren für einander da und alle waren stolz, Teil dieses Ganzen zu sein.

Es gab am letzten Abend beispielsweise eine 2-stündige Abschlussdisko. Es wurde verschiedene Musik gespielt, die jedoch immer nur einen Teil der Schülerschaft, die sehr heterogen ist, ansprach. Trotzdem tanzten die so genannten Tyffis zu Rammstein und die selbsternannten Metaller zu Beyonce. Es war so schön anzusehen. ALLE haben getanzt, und wer sich setzen wollte, wurde sogleich wieder auf die Tanzfläche gezogen. Unglaublich, wie 23 Schüler 2 Stunden lang total gute Stimmung verbreiteten, und das ohne eine Schluck Alkohol. Da können sich einige Partygänger unseres Alters aber einiges abschneiden.

Aber nun zurück zum Zitat. Ein Mädchen aus dieser Klasse schafft es leider nicht in die 10. und muss nun auf eine andere Schule. Sie ist sehr beliebt und als der DJ als Rausschmeißer irgendein ganz schnulziges Abschiedslied spielte, fingen alle kollektiv an zu weinen. Es war herzzerreißend. Besonders ein Mädchen war sehr betroffen und kaum zu beruhigen, was auch daran lag, dass sie sich in letzter Zeit noch von 2 anderen ihrer Freunde verabschieden musste. Ihr wurde der oben beschriebene Umstand, dass unser Leben von Abschieden geprägt ist, so richtig bewusst. Sie weinte darüber, dass alle irgendwann gehen müssen und alle Freunde nach der Schulzeit weg sein werden.

Aus meinem Pool von Lebenserfahrung ;) schöpfend, versuchte ich sie mit der Aussicht auf die vielen tollen Menschen, die sie noch kennen lernen wird, aufzubauen. Und irgendwer sagte mal, dass man nie über vergangene schöne Momente traurig sein soll, sondern sich lieber freuen soll, sie erlebt haben zu dürfen. Aber das half ihr in dem Moment nicht viel. Die Zeit, unser Leben, zwingt uns immer wieder dazu, uns von lieben Menschen, die ein wichtiger Teil von uns und unserem Leben geworden sind, zu verabschieden. Erst lässt sie zu, dass wir uns begrüßen und kennen lernen, um uns dann wieder voneinander zu trennen.

Sicher wird das Mädchen noch viele tolle Leute treffen und kennen lernen dürfen, aber mit jedem abgeschlossenen Lebensabschnitt gehen Menschen. Natürlich nehmen sich dann immer alle vor, sich nicht zu verlieren, aber das klappt nicht immer. Die Zeit und Lebensumstände trennen Menschen voneinander, nicht nur räumlich. Aber so traurig das auch klingt, ist es doch etwas Positives. Abschied tut weh und kann Freundschaften entzweien, die einem immer fehlen werden. Aber es gibt so viele tolle Menschen, Ideen und Ansichten zu entdecken, die uns ohne den Abschied von Altem vielleicht verborgen blieben. Trotzdem gibt es in meinem Leben Menschen, von denen ich mich nie verabschieden möchte. Menschen, die immer da sein sollen. Die Zeit wird zeigen oder auch entscheiden, ob das möglich sein wird und ob diese Menschen auch in ferner Zukunft zu den Konstanten in meinem Leben gehören, die ich nie missen will. Es ist schon ein merkwürdiger Gedanke, dass mir in einigen Jahren Menschen, die mir jetzt ganz wichtig sind, es möglicherweise nicht mehr sind.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Thy end is truth`s and beauty's doom and date

Dieser eher kitschige letzte Satz von Sonett 14, der mir fast zu kitschig ist, kann gut herhalten, um die Tragödie, die ich eben erleben musste, zu beschreiben. Diese Tragödie deutete sich lange an, den ganzen Tag über, aber erst jetzt, rückblickend, kann ich sie richtig deuten.

Es begann, als ich heute morgen verschlafen in die Küche trottete, um dort, wie jeden Morgen den Knopf meiner Kaffeemaschine auf „An“ zu drücken (Ich mache immer abends schon alles fertig), und sehen musste, wie der Toaster daneben und auch der Wasserkocher in einer vollkommen ungewohnten Position arrangiert waren. Krümel aus dem Toaster waren überall verteilt und ich fragte mich, was in meine Mitbewohnerin gefahren sein musste, um solch ein Chaos zu veranstalten. Da ich mich aber im Bett dreimal umgedreht hatte, hatte ich nicht Zeit, dieser Frage genauer nachzugehen.

Nachmittags nach der Schule, es sah noch alles so aus wie morgens, habe ich alles erstmal abgewischt und wieder dahingeräumt, wo es hingehört. Meine Mitbewohnerin habe ich den ganzen Tag nicht gesehen. Ich war dann unterwegs und kam ca. drei Stunden nach meiner Aufräumaktion wieder nach Hause, den Wunsch verspürend, mir einen Kaffee mit in die Chorprobe zu nehmen. Ich füllte Kaffee in den Filter, Wasser in den Behälter und drückte auf den Knopf – nichts geschah. Panisch testete ich die anderen Geräte, auch Toaster, Wasserkocher und Eierkocher blieben aus. Ich versuchte eine andere Steckdose in der Küche (langsam fand ich alles nicht mehr lustig), auch diese ging nicht. Als dann auch das Küchenlicht sowie der Kühlschrank nicht gingen, schwante mir, dass in der ganzen Küche kein Strom vorhanden war. Ich ging ganz ruhig und locker zum Stromkasten und klickte die Sicherung wieder rein, um danach, stolz ob meiner sachlichen und durchdachten Problemlösestrategien, zur Probe zu fahren.

Ja, ich dachte nun, alles sei gut. An Morgenfrüh denkend, wollte ich mir eben die Kaffeemaschine wieder vorbereiten, wozu ich das Küchenlicht anknipsen wollte, es ging nicht. Noch blieb ich ganz entspannt. Ich wusste ja, was zu tun war. Gut, ich habe mich gewundert warum, die Sicherung wieder raus gesprungen war, aber man steckt ja auch nicht drin. Nachdem ich die Sicherung wieder eingestellt hatte, ging ich also in die Küche. Und da war es – ein leises, aber auch nicht zu überhörendes Knistern. Auch glaubte ich, den Geruch von angekokeltem Plaste zu wahrzunehmen. Schnüffelnd musste ich feststellen, dass da etwas verkokelt war. Nach dem Ausschlussprinzip musste ich feststellen, dass ein Stecker kaputt gegangen war, durchgekokelt, unbrauchbar, für immer verloren, und ja es ist der Stecker meiner Kaffeemaschine!!

Ja, das ist das Ende, das Ende des guten Morgens und des Gut-in-den-tag-kommens überhaupt. Wie fürchterlich!! Und was dazu kommt: Wenn wenigstens die Maschine verkalkt oder eben irgendwie selbst kaputt wäre, aber Nein, der Stecker ist verkokelt, also wirklich, blöder geht’s nicht.

Ich möchte mich entschuldigen, dass ich Shakespeares Liebeserklärung leicht „missbraucht“ habe, aber das musste raus, und diese Kaffeemaschine… sie war schon was Besonderes. (Man muss sich jetzt vorstellen, dass ich in meinem Kopf kitschige Musik höre und gemeinsame Momente von mir und der Kaffeemaschine visualisiere).

Montag, 29. Juni 2009

When my love swears that she is made of truth...

...I believe her though I know she lies.
(The Passionate Pilgrim, 1(Sonnet 138)

Als ich gestern Abend melancholisch im Bett lag und ja fast lustlos mein inzwischen auch mit Kaffee besudeltes Shakespearebuch durchblätterte, stieß ich auf die Sonettreihe „The Passionate Pligrim“, die mir bisher unbekannt war. Dabei handelt es sich um eine Anthologie von Gedichten, die Shakespeare zugeschrieben und unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Einige der Gedichte wurden jedoch bei Autoren wie beispielsweise Christopher Marlowe wieder gefunden. Andere Gedichte konnten ob ihrer Herkunft noch nicht definitiv zugeordnet werden. Sicher konnten die Stücke Shakespeare zugeschrieben werden, die sich in anderen seiner Werke wie dem Sonettzyklus oder „Love’s Labour’s Lost“ wieder finden. So verhält es sich auch bei dem Sonett, aus dem die beiden Zeilen stammen.
Das Sonett handelt davon, dass die Liebe uns Jugend vorgaukelt, auch wenn wir schon alt und gebrechlich sind. Es ist eben eine Eigenschaft der Liebe, uns zu beruhigen und zu besänftigen: „O, love’s best habit is a soothing tongue“. Ich bin noch nicht so alt, dass mir die Liebe Jugend schon vorgaukeln muss, aber eine wundervolle Eigenschaft der Liebe, die auf mehr als nur Jugend übertragbar ist, wird in diesem Sonett auf wundervolle Weise beschrieben. So lautet das Abschluss-Couplet, das ich so schön fand, dass ich es mehrmals las und mich jedes Mal freute:

Therefore I’ll lie with love, and love with me,
Since that our faults in love thus smother’d be.

Die Liebe verdeckt und versteckt unsere Fehler, und darum soll man sich auf ihr Lügenspiel einlassen. Ich finde es bemerkenswert, wie viel in diesen beiden kleinen Zeilen steckt: „I’ll lie with love“, wenn man liebt, ist man in der Lage, die Fehler des anderen zu übersehen und sie weg zu lügen, um der Liebe willen ist man bereit, Dinge anders zu sehen. Aber auch eine andere Seite ist vorhanden: „and love with me“, wenn man geliebt wird, kann man von der Lügnerin der Liebe auch profitieren, weil eigene Fehler verdeckt werden. Ein schöner Gedanke und ich finde auch einfach, dass man an den beiden Zeilen sehen kann, wie gut Shakespeare dichtete. Es klingt auch einfach so gut.

Ich weiß nicht ob meine eher positive Interpretation richtig ist. Lügen ist ja eigentlich was Schlechtes. Und auch die Vorspiegelung falscher Tatsachen, blind vor Liebe sein und eventuell schlimme Sachen gar nicht zu sehen, sind ja nicht immer etwas Gutes. Außerdem könnte dahinter auch die Idee stecken, dass man in langen Beziehungen Dinge nicht mehr hinterfragt und Sachen einfach so hinnimmt. Aber als ich gestern die beiden Zeilen las, ging mir mein Herz auf, obwohl ich nicht mal einen konkreten Bezug zu meinem Leben finden konnte. Die Zeilen haben mich einfach berührt und das ist genau der Zweck, den sie erfüllen sollen.

Donnerstag, 25. Juni 2009

The friends thou hast, and their adoption tried

...Grapple them to thy soul with hoops of steel;" (Polonius, Hamlet I, 3.)

Freundschaft ist ein wichtiges Thema für Shakespeare, vor allem die Freundschaft zwischen zwei Männern, aber auch Frauen. Die Freundschaft zwischen Mann und Frau spielt meines Wissens kaum eine Rolle, da es zwischen ihnen nur Liebe gibt. Die gleichgeschlechtliche Freundschaft hat bei Shakespeare einen sehr hohen Stellenwert und steht meist im Kontrast zur Liebe. Oft müssen sich die Figuren zwischen Freundschaft und Liebe entscheiden, wobei Freundschaft als das Beständigere dargestellt wird.

Ein Beispiel dafür ist in „The two Gentleman of Verona“ zu finden. Valentino und Proteus sind die besten Freunde. Doch Proteus Freundschaft ist nicht so ehrlich wie die Valentinos. So stellt er seine große Liebe Julia über die Freundschaft mit Valentino: „I leave myself, my friends, and all, for love. Thou, Julia, thou hast metamorphosed me” (I.1). Dass sich Shakespeare hier wiederholt über die “wahre” Liebe mokiert wird dadurch deutlich, dass sich besagter Proteus ruckzuck in eine andere, Sylvia, verliebt, die wiederum in Valentino verliebt ist, was auf Gegenseitigkeit beruht. Proteus hintergeht seinen guten Freund erfolglos und verliebt sich am Ende, wer hätte es für möglich gehalten, wieder in Julia, als klar wird, dass Valentino Sylvia bekommt. Am Ende gibt es eine Doppelhochzeit, da Valentino, ein echter Freund seiend, Proteus vergibt. Dass dies nur ein scheinbares Happy End sein kann, sollte klar geworden sein. Es gibt weder die echte Liebe zwischen Julia und Proteus, weder die beidseitige echte Freundschaft zwischen Valentino und Proteus. Trotzdem kann festgehalten werden, dass Freundschaft gegenüber Liebe aufgrund ihrer Beständigkeit einen höheren Stellenwert hat.
Darauf läuft auch das Zitat aus Hamlet hinaus. Es ist von einem Vater an seiner verliebten Sohn gerichtet und besagt, dass Freundschaften, die man hat, mit aller Macht erhalten werden sollten, da sie sehr viel wert sind. Als ich gestern mit guten Freunden am Hafen saß, ein Bierchen trank und handgemachter Gitarrenmusik lauschen konnte, habe ich auch über die Rolle von Freunden in meinem Leben nachgedacht.

Freunde sind in meinem Leben sehr wichtig und meine wichtigsten Bezugspersonen. Und es gibt auch Freunde in meinem Leben, die irgendwie schon immer da waren, aber auch Menschen, die ich erst später kennen lernen durfte. Als ich gestern am Hafen saß dachte, ich darüber nach, was wäre wenn es einfach so weiter ginge, wie es jetzt ist. Eingebettet in einen Freundeskreis, der so viele meiner Wünsche für das Leben befriedigt, wie Spaß, tolle Gespräche, Hilfe in Notsituationen, Rat und Tat usw. usw., kann ich mir schon vorstellen, auf längere Zeit so ein glückliches Leben zu führen. Aber kann es so weitergehen? Sind die Freunde wirklich immer da? Oder müssen sie wie bei Shakespeare sich irgendwann zwischen Freundschaft und Liebe entscheiden?

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Freundschaften, also selbstgewählte soziale Kontakte, enge Familienbeziehungen immer mehr auflösen werden. Ein Gedanke, der mich gleichermaßen beängstigt wie fasziniert. Geht das? Können Freunde unsere neue Familie sein? Wollen wir das? Oder bringen sie doch nicht die Beständigkeit in unser Leben, die wir brauchen? Brauchen wir überhaupt Beständigkeit? Manchmal kann ich mir schon vorstellen, in einer Gemeinschaft von lieben, selbstgewählten Menschen alt und glücklich zu werden. Aber die Angst, dann irgendwann doch allein zu sein, ist so gegeben. Vielleicht muss unter diesen Freunden einfach ein Partner sein, mit dem man, in der Hoffnung auf beständiges Glück, eine eigene selbstgewählte Familie gründet. Ich hoffe jedoch, dass ich mich dabei nicht zwischen Freundschaft und Liebe entscheiden muss, sondern meinen Freunden, die ich habe, treu bleiben kann.

Sonntag, 21. Juni 2009

I can add colours to the chameleon

…Change shapes with Proteus for advantage” (3 Henry VI, III, ii, 191-193). So spricht Shakespeares machtsüchtiger und tyrannischer Herrscher Richard III. Um König von England zu werden, ist Richard bereit, mehr Farben als ein Chamäleon aufzuweisen und in die Rolle von Proteus zu schlüpfen. Proteus ist eine Gottheit der griechischen Mythologie, die die Gabe hat, ihre Gestalt zu verändern. Richard III. ist eine der bösesten und hinterlistigsten Figuren Shakespeares. Er wird von Shakespeare nicht nur als herz- und skrupellos dargestellt, sondern seine charakterliche Bosheit zeigt sich auch in seiner äußeren Gestalt. So hat Shakespeares Richard einen Buckel, schiefe Zähne und wurde per Kaiserschnitt geboren, was damals den Ruf des Teuflischen innehatte. Richard wird durch Intrigen und Boshaftigkeit König, wobei er auch nicht von der Tötung kindlicher Thronfolger zurückschreckt.
Trotz seiner Boshaftigkeit übt Richard eine Faszination auf den Leser bzw. Theaterzuschauer aus. Seine Gerissenheit und seine Fähigkeit, andere Menschen zu manipulieren haben eine gewisse Anziehungskraft. So ist Richard III. das meist gespielte Stück Shakespeares und es gibt zahlreiche Verfilmungen.
Die Fähigkeit, die eigene Farbe oder Gestalt zu verändern bringt Richard auf den Thron. Er schafft es, sich immer so zu zeigen, wie er gesehen werden will und kommt so diplomatisch an sein Ziel. Er lügt, schmeichelt und sagt den Menschen, das was sie hören müssen, um ihm gewogen zu sein. Grundsätzlich muss solches Verhalten wohl als unmoralisch und unehrlich bewertet werden. Aber ich habe mich in der letzten Woche oft gefragt, wie viel Richard III in mir und in uns allen steckt und dies vielleicht auch muss, um nicht mit leeren Händen dazustehen.
Unser Alltag und ich denke dabei vornehmlich an die berufliche Sphäre zwingt uns doch ständig, wie ein Chamäleon die Farben der Situation entsprechend zu ändern. So musste ich letzte Woche oft meine Gestalt meinem Gegenüber so anpassen, dass ich am Ende nicht als die Verliererin, die Schuldige oder die Unverantwortliche gesehen wurde. Habe ich dabei Leuten unehrlich geschmeichelt? Ja. Habe ich dabei Dinge gesagt, die ich eigentlich anders sehe? Ja. Habe ich gelogen? Nein, das nicht. Habe ich andere beschuldig oder in ein falsches Licht gerückt? Nein, auch so weit bin ich nicht gegangen. Ich hätte jedoch weiter gehen können. Wo sind die Grenzen, wenn es darum geht im Beruf oder auch privat weiterzukommen? Abläufe sind so komplex, dass es immer wieder passiert, dass Ereignisse, Meinungen und Handlungen falsch verstanden, wiedergegeben und interpretiert werden. Beim Richtigstellen solcher Missverständnisse stellt sich die Frage, wie weit man gehen darf, ohne die Grenzen der selbst gesetzten moralischen Maßstäbe, die bei Richard recht niedrig waren, zu übertreten.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, inwieweit man ein Proteus sein darf, ohne sich selbst zu verraten. Es wird immer so sein, dass es Vorgesetzte oder andre Menschen gibt, die darüber entscheiden, was mit uns geschieht. Unter diesen Personen werden immer welche sein, die sich nicht durch objektive, sachliche Argumente leiten lassen, sondern die umschmeichelt und bestätigt werden müssen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass sich niemand davon frei sprechen kann, nach Sympathie und subjektivem Empfinden zu handeln. Ich finde es so schwer, die Grenze zwischen schleimpfützenbildenden Opportunismus und dem unliebsamen Bestehen auf die eigene Meinung und Prinzipien zu finden. Wie so oft liegt der richtige Weg sicher in der goldenen Mitte. Ich denke, manchmal muss man sich selbst zurücknehmen und wichtigen Menschen zum Mund reden, da alles andere Energieverschwendung und Dummheit wäre. Trotzdem werde ich sicherlich oft zu den Personen gehören, die von besseren Chamäleons und Proteuesen ausgestochen werden, aber diesen Preis bin ich zu Gunsten meiner Selbstachtung und Beruhigung meines Gewissens zu zahlen bereit. Ich möchte kein Richard sein, zumal er am Ende für all seine Gräueltaten bestraft wird ;)

Sonntag, 14. Juni 2009

Shall I compare thee to a summer's day?

Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate.
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date.

Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm'd;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature's changing course untrimm'd;

But thy eternal summer shall not fade
Nor lose possession of that fair thou ow'st;
Nor shall Death brag thou wander'st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow'st:

So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

Sonett 18 gehört zu den bekannteren Sonetten und ist von 154 Sonetten eins der früheren. Die meisten Interpretationen deuten es als Liebeserklärung an einen jungen Mann. Es ist jedoch auch anders zu deuten. Ich möchte kurz den Inhalt erläutern und dann eine alternative Deutung darlegen, die auch erklären soll, warum ich für mein heutiges fabelhaftes Erlebnis dieses Sonett ausgewählt habe.
Im ersten Quarett (Alle Sonette sind thematisch in drei Quartette und ein Couple einteilbar) fragt sich der Sprecher ob er "thee", wer immer das sein mag, mit einem Sommertag vergleichen kann und stellt fest, dass dies nicht geht, da "thee" schöner und wärmer ist und der Sommer vergeht und Blüten verblühen, was beim "Thee" nicht so zu sein scheint.
Im zweiten Quartett fährt der Sprecher fort, dass Sommere ja auch manchmal zu heiß und gar nicht immer schön sind und ja in der Natur alles Schöne irgendwann verschwindet. (Für Sprachinterssierte intersant: Die Sonne, the eye of heaven, ist im englischen maskulin "his gold complexion", was übrigens in fast allen europäischen Sprachen der Fall ist. Das Deutsche bildet da eine Ausnahme)
Im dritten Quartett äußert der Sprecher den Wunsch, dass der Zerfall des Schönen für das "thee" doch bitte nicht der Fall sein soll. Ewig soll die Schönheit des "thee" leben.
Das Abschluss couplet, was immer besonders viel Bedeutung hat, weil es als eine Art Schlussfolgerung bildet, sagt: "Denn so lange Menschen atmen und Augen sehen. so lang lebt dies und dies gibt dir Leben."
Ja, natürlich kann das "Thee" als junger Mann oder eine wunscherschöne Frau gedeutet, werden deren Schönheit ("this) ewig währt. Ich denke jedoch, dass Shakespeare hier keinen Menschen meint, sondern die Poesie. Diese ist für ihn so schön und vollkommen und es wird sie immer geben, solange Menschen sie mit Leben füllen.

Ich habe heute dieses Sonnet gewählt, weil es nicht nur auf Poesie beziehbar ist, sondern auch auf Kunst im Allgemeinen: In meinem Fall heute nämlich auf Musik. Ich durfte heute auf ein Jethro Tull Live Open Air Konzert gehen. Und es war wirklich fabelhaft. Es war so eine Freude, den Musikern auf der Bühen zuzusehen, in einer entspannten Atmosphäre, ohne Gedrängel und Geschubse. Alle haben sich nur über die Musik gefreut. Immer, wenn ich richtig gute Bands sehe, denke ich: "Man darf eigentlich nie wieder Zeit mit schlechter Musik verschwenden oder Musik hören, die von Leuten gemacht wird, die keine richtigen Musiker sind. Also richtige Musiker von Herzen. Wie man einfach merkt, wenn jemand das was er tut wirklich liebt, lebt und fühlt.

"Kritisch" anmerken möchte ich etwas über die Haltung des Publikums. Man stelle sich einen halb-glatzigen Mann mit Vollbart vor, der mit vor der Brust verschränkten Armen allerhöchstens mit dem Kopf wippt. Nein, ich will das in keinster Weise verurteilen. Jeder soll die Musik so erleben, wie er es mag, aber ich habe meinen Vater gefragt, der mir diese Ereignis finanziell ermöglichte, und er meinte, dass dies wohl vor 20 Jahren auch noch anders ausgesehen hätte. Wie ich mir vorgestellt habe, dass wir in 20 Jahren bloß den Kopf leicht bewegend auf nem Ärzte-konzert oder so stehen. Man weiß es nicht.

Dann möchte ich noch positiv die Künsterlerin Saori Jo, die die Vorband war, erwähnen. Eine Französin, die sich ganz allein an ihr Stage-piano setzte und los sang. Später in Begleitung einer akkustischen Guitarre, vom Stil her irgendwo zwischen Katie Melua und Fiona Apple. Sehr ergreifend war es, weil ihre Emotionen in der Stimme und bei der Begleitung auf dem Klavier durch den Minimalismus sehr eindrucksvoll zur Geltung kamen. Sie hatte sogar die Ehre, bei einem Song von Ian Anderson persönlich auf der Querflöte begleitet zu werden. Ich was so angetan, dass ich eine CD mit vier Tracks käuflich erwarb. Ich muss jedoch sagen, dass auf der CD viel von der Intesnität, die live zu verspüren war verloren ging.

So long as men can breathe or eyes can see
So long lives this, and this gives life to thee

So lange Menschen leben, wird es Musik geben und solang werden auch Menschen von Musik verbunden und am Leben gehalten. Dass Musik jung und alt verbindet ist nicht Neues, und auch nicht dass sie Kraft und Zeit zur Besinnung aber auch gute Laune bringt ist keine Neuigkeit, es ist jedoch immer wieder einfach schön zu sehen, dass es wirklich so ist. Musik kann nicht mit einem vergänglichen, manchmal zu heißem Sommertag verglichen werden. Sie ist mehr, länger, von und und für uns da!